Er ist der bekannteste deutsche Rockmusiker, der als erster die deutsche Sprache songfähig machte. Seit Udo Lindenberg und sein Panikorchester mit Andrea Doria 1973 den Durchbruch schafften, ist es um die „Gronauer Nachtigall“ nicht still geworden. Udo mischt sich ein, engagiert sich und versucht, nicht als „eigene Karikatur zu enden“. Mit seinen kritischen Texten will er ganz einfach die Leute motivieren, „sich selbst zu suchen“. In seiner Autobiografie, die er hier gekürzt zusammen mit Ben Becker zum Besten gibt, lüftet er einige Geheimnisse und gibt überraschend ehrlich Einblick in sein Leben. Z. B. darüber, warum er notorischer Hutträger ist, oder was damals, bei seinem ersten großen Auftritt, der ihn zum Star kürte, tatsächlich passiert ist. Wer scharf auf seine „Exzesse“, in welcher Form auch immer, ist, wird enttäuscht werden. Mit wem, wie oft und wie viel -- Udo Lindenberg bleibt da angenehm diskret und zurückhaltend.
Schon früh zeigte sich das Trommler-Talent des Zweitgeborenen der Lindenberg. Wahrscheinliche hatte ihm Vater Gustav die musikalische Begabung einfach vererbt. Nicht nur, dass der Vater wegen allzu viel aufgegebner Träume zum Alkohol griff und öfters auf dem Tisch mit dem Kochlöffel dirigierte, die Familie Lindenberg war überhaupt außergewöhnlich, für die spießigen 50er Jahre allemal. Udo, der Rebell, geht in seinen Lebenserinnerungen mit Gutstav und Hermine, seinen Eltern, ungewöhnlich liebevoll und zärtlich um. Auch mit Frauen, die ihm wirklich wichtig waren, scheint er ‚anständig’ umgegangen zu sein. Z. B. Manu, die Göttin aus Ost-Berlin. Er wollte sie rausholen, war zutiefst verletzt, als er von ihrer IM-Tätigkeit erfährt.
Lindenberg ist hat immer wieder mit der DDR Kontakt aufgenommen. Die Neugierde führte ihn regelmäßig ins „Experiment der anderen Gesellschaftsordnung“. Sein Song „Sonderzug nach Pankow“ ermöglicht ihm 1984 einen Auftritt im Palast der Republik in Ost-Berlin, allerdings nicht vor seinen Fans, sondern vor „Blauen Hemden“. Die versprochene Tournee wurde ihm verweigert. Neben dem Engagement für die „Freiheit“ in der DDR, unterstützt er Greenpeace, Amnesty International, die UNICEF, die Drogen- und Aids-Hilfe und Aktionen gegen die Rechte Gewalt. 2000 gründete er sein Projekt „Rock gegen Rechte Gewalt“. Und dann ist er auch noch Vollblut-Musiker, Rock’n Roller mit Hang zum Perfektionismus und zum Suff. Die Zusammenbrüche, der Herzinfarkt und der Absturz wundern deshalb wenig, waren sozusagen vorprogrammiert.
Charakteristisch für den Allrounder scheint auch eine schier unerschöpfliche Abenteuerlust, das Suchen nach Neuem zu sein. Nach seiner ‚musikalischen’ Rock’n Roller-Periode machte er sich daran, das großartige, musikalische Erbe der 20er Jahre neu zu entdecken. Eine Telefonfreundschaft mit Marlene Dietrich gehört genauso in dieses Kapitel wie die „Atlantic Affairs“-Tournee (2002) mit neu vertonten Liedern von deutschen Emigranten. Im Laufe der Jahre hat Udo Lindenberg mit vielen Musikern und Künstlern zusammengearbeitet: Mit Peter Zadek machte er 1978 die „Dröhnland Symphonie“, mit Eric Burdon, David Bowie oder Gianna Nannini ist er aufgetreten.
Fazit: Eine neue Autobiografie! Dieses Mal erfreulicherweise von einem, der wirklich was zu sagen hat. Der Blick hinter die Legende macht eines deutlich: Udo Lindenberg ist nicht richtig einzuordnen, er lässt sich nicht vereinnahmen. Und es klingt gut, wenn er verkündet als Kontrastprogramm zur allgemeinen Dummdreistigkeit weiter machen zu müssen.
Gekürzte Autorenlesung/Lesung, Spieldauer: ca. 200 Minuten, 3 CD. Auch als MC erhältlich. --culture.text